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Anspruch und Wirklichkeit des interreligiösen Dialogs mit Muslimen in Deutschland

Die Religionswissenschaftlerin Gritt Klinkhammer stellt an der Leibniz Universität Hannover erste Ergebnisse des Forschungsprojektes dialogos vor.

Hannover. Die Wahrnehmung des Islam in Deutschland als „Konfliktfaktor“ ist allgegenwärtig – das zeigen die jüngsten Beispiele der durch Thilo Sarrazin neu entfachten Integrationsdebatte oder die Terrorwarnungen des Innenministeriums. Zum Allheilmittel einer konstruktiven zivilgesellschaftlichen Reaktion auf solche Entwicklungen ist in den vergangenen 20 Jahren zunehmend der „Interreligiöse Dialog“ mit Muslimen ausgerufen worden. Die Erwartungen an ihn sind immens hoch. Doch wie gestaltet er sich konkret aus und was kann er tatsächlich leisten?
Mit diesen Fragen beschäftigt sich die Bremer Professorin für Religionswissenschaft Gritt Klinkhammer im Rahmen des vom Innenministerium geförderten Forschungsprojekts dialogos, das sie am vergangenen Dienstagabend im Rahmen der Ringvorlesung „Chancen und Grenzen des interreligiösen Dialogs mit Religionen und sog. Sekten“ des Masterstudienganges „Religion im kulturellen Kontext“ an der Leibniz Universität Hannover vorstellte. In den universitären Räumlichkeiten der Schlosswender Straße erhielten die rund 50 Zuhörer(innen) einen ersten Einblick in die Zwischenergebnisse der qualitativen und quantitativen Evaluationsstudie, deren endgültige Resultate erst im kommenden Jahr veröffentlicht werden.
In einem methodischen Zweischritt, bestehend aus einer explorativen Erststudie und einer darauf folgenden repräsentativen Vollerhebung mit 20 qualitativen „Tiefenbohrungen“, hat das vierköpfige Team um Klinkhammer Dialoginitiativen mit Muslimen in Deutschland untersucht. Dabei richtete sich der Fokus neben den grundsätzlichen Rahmenbedingungen wie den Akteuren und Inhalten des Dialogs vor allem auf die Frage nach den Zielsetzungen der Dialogpartner und deren Einschätzung bezüglich des Erfolges bzw. der Probleme der Begegnung, welche die Forschergruppe diskursanalytisch zu destillieren versuchte.
Aus den zahlreichen von Klinkhammer vorgestellten Erkenntnissen der Studie lassen sich zwei besonders erhellende Aspekte die Schwierigkeiten den interreligiösen Dialog mit Muslimen in Deutschland betreffend hervorheben: Sie gingen zum Einen zurück auf von Klinkhammer so bezeichnete „strukturellen Schieflagen“ der beteiligten Dialogpartner: Hauptamtliche, institutionell eingebundene professionalisierte Theologen mittleren Alters auf christlicher Seite stünden zum Beispiel in den meisten Fällen verhältnismäßig jungen, ehrenamtlichen religiösen „Laien“ aus dem Islam gegenüber, was nicht nur eine Diskrepanz bezüglich verfügbarer personeller, finanzieller und zeitlicher Ressourcen, sondern auch große Unterschiede bezüglich der Rückkopplung der Dialogergebnisse in den eigenen religiösen Reihen mit sich bringe – ein christlicher Diakon kommuniziere die Ergebnisse vielleicht den Gemeindemitgliedern; in einer solchen Position befinde sich der laienreligiöse muslimische „Schichtarbeiter“ schlichtweg nicht. Zum Anderen tummelten sich unter dem Deckmantel des interreligiösen Dialogs immer auch andere Interessen, z.B. bezogen auf Integration oder politischen Einfluss. Oftmals lägen die Interessenslagen der Dialogpartner dabei so unterschiedlich, dass keine gemeinsame Gesprächsebene erreicht werde.

Diese Situation sehr eindrucksvoll und plausibel darstellend und herleitend, stellt die Frage danach, was mit diesen Ergebnissen nun passieren soll, ein nicht unerhebliches Dilemma für Klinkhammer und ihrer Kolleg(inn)en dar. Dem religiös-außenperspektiveschen, deskriptiven Selbstverständnis der Religionswissenschaft verpflichtet ginge es nicht darum, Religionsgemeinschaften anzuweisen, „wie sie einen Dialog zu führen haben“. Andererseits sollten die Ergebnisse den Dialogpartnern helfen, ggf. existierende Probleme zu lösen und werden deshalb in gedruckter Form allen untersuchten Dialoginitiativen zugänglich gemacht – so legitimiert das Projekt seine finanzielle Förderung durch das Innenministerium. Inwieweit dieser schmale Grat tatsächlich zu beschreiten sein wird, werden die Publikation und die auf diese folgenden Reaktionen zeigen müssen.

Stefan Schröder

PDF-Version der Pressemitteilung